Schweizer Kunst 2·04 Here we are! Kunst und Öffentlichkeit / art et public

Zwischenhalte auf der Raserstrecke: Tanken, tanken, tanken
von Laurent Schmid

Chantal Romani und Matthias Rüegg haben eine stillgelegte Tankstelle an der 1983 als Durchgangsroute von der A13 abgelösten Via Nova in Rhäzüns vor ihrem Abbruch in einen Ort mit ganz eigenen Gepräge verwandelt. Die besondere architektonische, soziale und historische Situation wie auch ihre damalige Nutzung dienen als Grundlage für fünf zwischen Frühjahr 2004 und Herbst 2006 geplante künstlerische Interventionen. Von den beteiligten Künstlerinnen und Künstlern wird explizit erwartet, dass sie sich mit "der Geschichte, der (mobilen) Gesellschaft sowie dem Funktions- und Bedeutungsverlust" auseinandersetzen.
Laurent Schmid hat Chantal Romani und Matthias Rüegg in Zürich getroffen und sich mit ihnen, wie es sich oft in ungezwungenen Gesprächen ergibt, aber diesmal bewusst, von einem Schlüsselbegriff zum nächsten führen lassen.

Wie es zur Idee kam, künstlerische Interventionen an dieser Tankstelle zu realisieren? Wir hatten uns in einer anderen Arbeit mit Mobilität, Geschwindigkeit und dem Umgang mit Ressourcen befasst. Matthias kannte diese Station bereits von früher, und wir hatten schnell das Gefühl, damit einen geeigneten Ort für eine Weiterführung gefunden zu haben. bevor sie abgerissen wird. Es war uns auch klar, dass das daraus resultierende Projekt viel mit Öffentlichkeit zu tun haben würde. Wir betrachteten dies als eine attraktive Gundbedingung.

Und tatsächlich – bereits zu Beginn mussten Fäden gespannt werden, hatten wir in der Region ein Beziehungsnetz aufzubauen, um die Interventionen überhaupt realisieren zu können. Die Hürden waren anfangs recht hoch, obwohl beim direkten Kontakt mit der Bevölkerung eine überaus positive Stimmung herrschte. Wir haben unser Projekt an der Gemeindeversammlung vorgestellt, es wurde in der Folge darüber diskutiert und abgestimmt. Der bereits vorgesehene Abbruch der Gebäude konnte so um drei Jahre nach hinten verschoben werden und schliesslich wurde entschieden, unserem Projekt für drei Jahre grünes Licht zu geben.
Aber wir wollen nicht verschweigen, dass am Anfang, besonders auch bei den Behörden, eine kritische Grundhaltung auszumachen war und einige Skepsis vorherrschte.

Die Diskussion, die Auseinandersetzung mit der Gemeinde waren ein starker Motor unseres Projekts, welches erwartungsgemässß schnell zu einem wichtigen Gesprächsthema im Ort wurde. Wir fördern dies durch Veranstaltungen, welche wir parallel zu den künstlerischen Projekten stattfinden lassen. Ein wichtiges Ziel ist ebenfalls eine stimmige Form von Kunstvermittlung zu finden. Bisher ist dies jedoch leider an den fehlenden Finanzen gescheitert. Es interessieren sich viele Bewohner der Region für die Fragen, die wir und die beteiligten Künstler mit diesem Projekt aufgeworfen haben. Der Ort liegt nicht mehr an einer wichtigen Verkehrsachse, es kommen weniger Durchreisende aus der Fremde, und das hat einschneidende Konsequenzen – im Positiven, wie auch im Negativen.

Selbstverständlich spielt die Tankstelle eine andere Rolle für die einheimische Bevölkerung, als für die Besucher aus dem Unterland. Das ist nun auch in der neuen Form der Nutzung gleich geblieben. Die einen haben die Tankstelle immer vor Augen, für die anderen ist sie der einzige Ort, an dem sie für mehr oder wenger kurze Zeit absteigen und festen Boden unter den Füssen haben, bevor sie weiterziehen. Für die Vernissagebesucher (die zum grossen Teil mit ihren Mobility-Autos aus der Stadt kamen) war es ein Ort in der Fremde, an dem sie sich trafen und sich mit Kunst auseinander setzten, ganz ähnlich wie die Reisenden von früher, welche da einen Zwischenhalt einlegten.
Das Projekt markiert besonders für die lokale Bevölkerung einen tiefen Einschnitt, die Station wird ja nach den Interventionen abgerissen und macht den bereits erlittenen Verlust erst recht deutlich. Dieses Gefühl, etwas prägendes zu verlieren, ist sehr stark. Trotz gewisser Hemmschwellen ist deshalb das Projekt, das sich mit all diesen Fragen beschäftigt, auch für die Leute der Region interessant. Einige Leute sehen es auch ganz allgemein als spannenden kulturellen Input.

Für uns stand von Beginn an fest, dass die Tankstelle mit all ihren Aspekten und Konnotationen die Basis des Projekts bilden sollte. Die grundlegenden Fragen nach Mobilität, Geschwindigkeit, nach dem Umgang mit Ressourcen, nach Ökonomie und Ökologie waren bereits in unserer bisherigen Arbeit wichtig. Somit war dies für uns die logische Weiterführung des Themas. Der Titel des Projekts bezieht sich auf Paul Virillios Buch "Fahren, fahren, fahren".1 In der Vorbereitungsphase des Projekts haben wir einen grossen Fundus an Referenzmaterial zusammengesucht, haben stundenlang Filme angeschaut, all das stellen wir den beteiligten Künstlerinnen und Künstlern zur Verfügung. Damit hoffen wir, dass ihre Projekte auf inhaltliche Fragen um die angesprochenen Themenfelder eingehen.
Wir haben recht lange am Titel herumgefeilt und gesucht. Schliesslich hat er etwas programmatisches und soll dennoch eine inhaltliche Offenheit bieten. Er sollte nicht allzu eng sein und das Potenzial der Auseinandersetzung nicht beschneiden.

Häufig wird unser Schaffen ausgezeichnet durch verschlungene Wege der Konkretisierung, und ein Abwerfen des Ballastes gegen Schluss hin. Wir coachen uns gegenseitig, nach langen Diskussionsphasen, Infragestellen und ständigem Überarbeiten landen wir dann bei einer aufs Wesentliche reduzierte Form. Allerdings sind die Inputs von aussen sehr wichtig. Nach diesen oft intensiven Prozessen geht es dann aber oft sehr zackig, wenn wir die Lösung gefunden haben. Das galt für das Projekt als Ganzes wie auch für die erste Intervention an dem Ort – "Take away" – die wir selber realisiert haben.

Den Künstlerinnen und Künstlern stellen wir wie gesagt unser gesammeltes Material, Literatur, (Road-)Movies etc. zur Verfügung, aber wir stellen keine inhaltlichen Vorgaben. Wir wissen ja, wen wir einladen und kennen das entsprechende Werk. Wir sind auch daran interessiert, in den Prozess einbezogen zu sein, aber uns stört es nicht, wenn uns der Boden unter den Füssen weggezogen wird. Für uns stellt die Diskussion mit dem eingeladenen Künstler gar eine wichtige Vorraussetzung dar. In Bezug zur Bevölkerung ist diese Frage, wie weit man denn gehen darf, allerdings nicht zu vernachlässigen. Bisweilen werden die Eingriffe auch mit absolutem Unverständnis quittiert.

Beim letzten Projekt mit Erik Dettwiler "Prestige", haben wir gemeinsam mit ihm den Ort besucht und über seine Vorstellungen geredet, haben ihm unser Material zur Verfügung gestellt. Dann ist er eines Tages mit dem fertigen, klaren Entwurf gekommen, der dann mehr oder weniger so umgesetzt wurde. Er hat in seiner Arbeit einige für uns sehr wichtige Aspekte des "Tanken"-Projekts hervorgehoben: die Landschaft (mit dem Rahmen, der einen Ausschnitt wie auf einem Filmstreifen oder der Windschutzscheibe freigibt), die Fragen nach Ökologie und Ökonomie. Dieses Projekt hat viele Reaktionen bei der lokalen Bevölkerung ausgelöst und zu Diskussionen geführt. Gerade weil es nicht unser eigenes Werk war, konnten wir es auch intensiver vertreten.

Wir bewegen uns auf verschiedenen Ebenen, die erste Intervention hatten wir selber gemacht, und nun laden wir weitere Künstler ein. Diese kuratorische Tätigkeit ist eine wichtige Partie des Gesamtprojekts, und wir betrachten diese ebenfalls als Teil unseres künstlerischen Schaffens, auch wenn wir das Gefühl haben, es nehme nun mehr und mehr die uninteressante Seite der Arbeit, die banale Routine, zu. Gleichzeitig haben wir aber auch an anderen Orten auf die Tankstelle Bezug nehmen können. Wir haben für eine Ausstellung das Mobiliar der Tankstelle nach St.Gallen genommen und konnten dort die mit der Geschichte dieses Ortes aufgeladenen Objekte mit weiterem Material in einen neuen Kontext stellen. Unsere Begeisterung für Tankstellen und die gleichzeitig kritische Haltung ist dort aufgenommen und wurde an einen anderen geografischen Ort gebracht.

 
     
  7. September 2004 Bündner Tagblatt

«Prestige» an der Strasse
Wer an der Via Nova zwischen Bonaduz und Rhäzüns unterwegs ist, erhält seit Samstag eine Denkaufgabe mit auf die Reise: Die einstige Texaco-Tankstelle weist durch ihr neues Erscheinungsbild auf die Thematik Mobilität hin.

«Prestige» ist in fetten, weissen Leuchtbuchstaben auf der grossen Überdachung der stillgelegten Tankstelle an der Hauptstrasse zwischen Bonaduz und Rhäzüns zu lesen. Das Dach ist in ganz schwarze Farbe getaucht. Prestige bedeutet in diesem Fall weder Blendwerk noch Ansehen, sondern ist der Name des Öltankers, dessen Havarie zur Katastrophe führte.
Das auslaufende Schweröl verseuchte die gesamte galizische Küste und zerstörte das Ökosystem bis hin zu den französischen Stränden.

Pechschwarzes Öl
Die neue, pechschwarze Farbe der Tankstelle verweigert sich deutlich der Marketingstrategie eines herkömmlichen Brennstoffanbieters, wird diese doch in der Regel durch grüne, gelbe oder rote Farbkombinationen repräsentiert.
Die schwarze Farbe der ehemaligen Tankstelle mit dem Namenszug Prestige weist in eine andere Richtung und lädt ein, über kollektive Erinnerung und technischen Fortschritt zu sinnieren.
Ebenso die zweite Hälfte der Tankstelle auf der anderen Strassenseite. Die gesamte Länge und Tiefe der Überdachung ist rot-weiss bemalt in der Art von Baustellenabschrankungen. Eine rohbelassene Holzwand auf der gesamten Länge weist in der Mitte eine horizontale Lücke auf. Diese Leerstelle gibt den Blick in die dahinter liegende idyllische Landschaft frei und unterbricht den Schriftzug «Oil», der über die ganze Holzfläche zieht. Die konzeptuelle Intervention stammt von Erik Dettwiler und ist im Rahmen des Projekts «Tanken» entstanden. Dettwiler, der 1970 in Helsinki geboren ist und heute in Zürich lebt und arbeitet, ist in erster Linie Performer. Demnächst beginnt er ein akademisches Jahr am Istituto Svizzero di Roma. Auf den Weg in den Süden habe der Künstler seine Spur an der Tankstelle hinterlassen, meinte der Kunstschaffende Matthias Rüegg anlässlich der Vernissage. Mit der Künstlerin Chantal Romani hat Rüegg das Projekt «Tanken» initiiert.

Juscha Casaulta

«Prestige» ist die zweite Umsetzung des künstlerischen Eingriffs. Bis 2006 sollen halbjährlich vier weitere Interventionen folgen, bis die 1965 erbaute Tankstelle definitiv abgebrochen wird.

 
     
  Juni 2004 Kunstbulletin Nr. 6

Kunst im öffentlichen Raum
Rhäzüns: <Tanken Tanken Tanken> von Chantal Romani und Matthias Rüegg
Tankstellen verfügen über ein eigenartiges Faszinationspotenzial. Die Gebäude mit meist überdimensionierten Dachkonstruktionen und geschickt arrangierten Beleuchtungselementen verleihen diesen eigentlichen Zweckbauten einen Sonderstatus.
Tankstellen sind kein Ziel, sondern nur Zwischenstationen der Reisenden und daher mit Bahnhöfen, Häfen oder auch Inseln vergleichbar. Die 1965 erbaute und seit mehr als zehn Jahren stillgelegte Tankstelle an der Via Nova in Rhäzüns hätte eigentlich im Sommer 2003 abgerissen werden sollen. Sie strahlt eine eigentümliche Atmosphäre aus, die zwischen Vernachlässigung und Nostalgie oszilliert.
Auf diesen Ort bezogen ist nun ein Projekt entstanden, welches sich mit der besonderen architektonischen, gesellschaftlichen und geschichtlichen Situation der Tankstelle auseinander setzt. In dem begrenzten Zeitraum zwischen Frühjahr 2004 bis Herbst 2006 sollen nacheinander sechs künstlerische Interventionen im Zusammenhang mit der Tankstelle entwickelt werden, bevor diese definitiv abgebrochen wird. Die erste Arbeit wird von den in Zürich lebenden ProjektinitiantInnen Chantal Romani (1971 in Luzern) und Matthias Rüegg (1968 in Walenstadt) vorgenommen. Das Team thematisiert dabei den Zustand der Auflösung und des Übergangs sowie die ausgesprochen skulpturale Qualität der Tankstelle.
Der übergreifende Titel <Tanken Tanken Tanken> spielt auf das wachsende Bedürfnis nach Mobilität und die dadurch erhoffte Freiheit an. Die ausrangierte Tankstelle weist jedoch auch auf die Erschöpfung vorhandener Ressourcen. Ein weiterer Bezug besteht zu Paul Virilios <Fahren, fahren, fahren…> (Merve Verlag, 1978). Seine Aussage, dass durch die unablässige Verbesserung der Leitfähigkeit und Durchdringbarkeit der durchquerten Orte und Gegenden gleichzeitig deren Auflösung und Zerstreuung beschleunigt werde, findet hier ein geradezu unheimliches Bild. Darüber hinaus ist der Titel auch wörtlich gemeint, als geistiges Auftanken durch Anregung, Inspiration und Begegnung.
Im aktuellen Projekt sollen die ehemaligen Kiosk-Häuschen bis auf die Höhe der Zapfsäuleninsel (Randsteinhöhe) abgetragen werden. Das Fundament und der Boden der Innenräume bleibt sichtbar. Die Beleuchtung am Dachfries wird erneuert und wieder in Betrieb genommen. Gleichzeitig werden Reklametafeln mit der Aufschrift <Take Away> aufgestellt. Für die nächsten beiden Interventionen sind folgende Künstler bereits eingeladen: Erik Dettwiler (1970 in Helsinki, lebt in Zürich) und Daniel Robert Hunziker (1965 geboren in Walenstadt, lebt in Zürich). (…)
 
     
  21. Mai 2004 Rhiiblatt

Ein Kunstort der anderen Art
Am letzten Samstag ist der stillgelegten Tankstelle zwischen Rhäzüns und Bonaduz unerwartet Aufmerksamkeit geschenkt worden. Kunstinteressierte, Freunde und Bekannte fanden sich unter den überdimensionierten Dächern der ehemaligen Texaco-Tankstelle ein, um dem Opening des Projekts «Tanken, Tanken, Tanken» beizuwohnen.

Warum gerade diese, warum überhaupt eine Tankstelle? Nachdem das Künstlerduo Chantal Romani und Matthias Rüegg die Geschichte der Tankstelle zusammengefasst hat, erinnerten sie nochmals an die Faszination, die der Anblick der Tankstelle auf sie ausübte. «Der Standort in der idyllischen Landschaft, genau in der Mitte zwischen den beiden Dörfern gelegen, machte uns aufmerksam.» Mit dem Abriss der Kioskhäuschen sei der Blick auf diese Idylle im Grünen erweitert oder freigelegt worden. Weiter hat die überdimensionale Dachkonstruktion der heruntergekommenen Tankstelle ein eigenartiges Aussehen gegeben. Und nicht zuletzt ging von der Tankstelle, trotz Belebung durch die angerenzende Bar «Bonazüns», eine Verlassenheit aus, die Künstler inspirierte.

Takeaway: 7 Tage 24 Stunden offen
Mit dem eigenen Projekt «Takeaway» geben die Initanten den Startschuss für halbjährlich wechselnde und bis Herbst 2006 dauernde Interpretationen von Künstlern und Künstlerinnen aus dem In- und Ausland. Sie wünschen sich, dass die einst verlassene und vergessene Tankstelle Ort der Inspiration, Begegnungststätte und vielleicht auch Diskussionsthema in der Bevölkerung – zur Erinnerung der Geschichte und Entwicklung – wird.
Gini Bergamin
 
     
  17. Mai 2004 Bündner Tagblatt

Wie eine funktionstüchtige Tankstelle…
Ein Jahr lang haben Matthias Rüegg und Chantal Romani an ihrer Idee, die stillgelegte Tankstelle zwischen Rhäzüns und Bonaduz zum Kunstort umzufunktionieren gefeilt und recherchiert. Nur die Beschilderung der alten Tankstelle haben sie visuell wieder aufgenommen. Während der Nacht wird das grosse «Take Away»-Schild, das auf dem Dach befestigt ist, wieder leuchten. Von weitem soll eine funktionstüchtige Tankstelle suggeriert werden. Auch die Benzinpreisschilder wurden mit dem Hinweis «Take Away» in beiden Fahrtrichtungen platziert. Umgesetzt hat die Ideen der beiden in Zürich wohnhaften Künstler Rolf Kohler, der Besitzer der einen Tankstellenhälfte und der angrenzenden Bar «Bonazüns». Ohne ihn und das örtliche Gewerbe, das kostenlos mitgearbeitet hat, wäre die Installation nicht möglich gewesen. (lmb)
 
     
  17. Mai 2004 Bündner Tagblatt

Statt Benzin darf nun Kunst getankt werden

Den Blick für etwas Einzigartiges: Das Zürcher Künstlerduo Chantal Romani und Matthias Rüegg hat eine stillgelegte Tankstelle zwischen Rhäzüns und Bonaduz kurzerhand zum Kunstort erklärt.

Der Geruch von Benzin hat sich längst verflüchtigt, der Lärm der vorbeirasenden Autos aber ist geblieben. Die Tankstelle zwischen Rhäzüns und Bonaduz wurde vor über zehn Jahren stillgelegt. Doch gerade die nutzlosen und heruntergekommenen Gebäudeteile verliehen der Tankstelle jahrelang eine eigentümliche Ausstrahlung. Auch die beiden Künstler Chantal Romani und Matthias Rüegg haben die Tankstelle als speziellen Ort wahrgenommen. Durch ihr dreijähriges Projekt «Tanken, Tanken, Tanken» setzten sie sich mit der besonderen architektonischen, gesellschaftlichen und geschichtlichen Situation vor Ort auseinander. Mit «Take Away» eröffneten Rüegg und Romani am vergangenen Samstag die erste von insgesamt sechs Installationen.

Milch oder Champagner
Tankstellen sind Zufluchtorte auf langen Reisen, und ihre 24-Stunden-Shops sind oft die letzte Rettung, wenn die Milch ausgeht, Champagner, Blumen oder Kondome gefragt sind. Tankstellen, die nur Benzin anbieten, sind rar. Rüegg und Romani haben genau diese Idee aufgenommen, um die Installation «Take Away» zu schaffen. Zwar ist die Rhäzünser Tankstelle heute kein Konsumtempel mehr, trotzdem «soll sie 24 Stunden zugänglich sein», wie Rüegg erklärt.
Die Installation selbst ist eine Herausforderung für Kunstsuchende – und vor allem erklärungsbedürftig. «Was ist hier Kunst?», ist man bei einer ersten Betrachtung versucht zu fragen. Doch gerade die Einfachheit sei es, die «Entleerung» der Tankstelle, die dem Ort seine künstlerische Beschaffenheit verleihe, so Rüegg und Romani. Freigelegt und auf die aussagekräftigsten Grundelemente, die markanten Dächer, reduziert, fasziniert das Objekt durch eine Architektur mit stark skulpuraler Ausstrahlung. Konzipiert als Zustand der Auflösung und des Übergangs. Durch die geschaffene Transparenz soll eine intensive Auseinandersetzung mit der Umgebung entstehen. «Die scharfe, kantige Architektur steht im Widerspruch mit der idyllischen Landschaft», erklärt Romani.

Weitere Projekte folgen
Die Installation «Take Away» wird bis Ende August zu betrachten sein. Darauf folgen im Halbjahresrhythmus fünf weitere Projekte nationaler und internationaler Künstler. «Und danach wird die Tankstelle endgültig von der Bildfläche verschwinden», erklährt Kohler. Ein Abschied als Auseinandersetzung mit zeitgemässer Kunst im öffentlichen Raum.
Larissa Margot Bieler
 
     
  14. Mai 2004 Rhiiblatt

Tankstelle wird zum Kunstobjekt
Die zwischen Bonaduz und Rhäzüns gelegene Tankstelle erstrahlt neu im Kunstlicht. Am Samstag, 15. Mai, 17.30 Uhr fällt der Startschuss für das Projekt «Tanken, Tanken, Tanken», mit einem Opening-Apéro für die Bevölkerung. Mit ihrem Projekt «Take Away» eröffnen die Initianten, das Künstlerduo Matthias Rüegg und Chantal Romani, die Reihe der Interventionen.
«Tanken, Tanken, Tanken» belebt den Ort durch künstlerische Eingriffe und wertet ihn neu. Das Projekt konfrontiert gemäss Presseinformation der Künstler die Bevölkerung mit der Geschichte der Region und wirft Fragen nach den Folgeerscheinungen der Entwicklung des Transitverkehrs auf.
«Tanken, Tanken, Tanken» sieht im Zeitraum zwischen Mai 2004 und Herbst 2006 ortspezifische Eingriffe mit fünf Künstlerinnen und Künstler aus dem In- und Ausland vor.
Nach Rüegg/Romani werden Erik Dettwiler und Daniel Robert Hunziker die Reihe weiterführen. In diesem Sinn ist «Tanken, Tanken, Tanken» durchaus auch als «Tankstelle» gedacht. Im Verlaufe des Projekts sollen Anregung, Inspiration und Begenung getankt werden können. … gi/rhi
 
     
  13. Mai 2004 WOZ – Die Wochenzeitung

Tip der Woche: Tankstelle
Die künstlerische Zwischennutzung zum Abbruch bestimmter Gebäude feiert Hochkunjuktur.
Nach dem politisch sehr umstrittenen; und von der Stimmung her bisweilen eher deprimierenden Beispiel in der Zürcher Siedlung Grünau, wird nun in der Wildnis des Kantons Graubünden die idyllische Variante des Zürcher Vorbilds ins Leben gerufen.
Eine zwischen Thusis und Rhäzüns 1965 erbaute Tankstelle – seit mehr als zehn Jahren stillgelegt und nun nostalgisch anmutend und heruntergekommen – wird vom KünstlerInnenduo Chantal Romani und Matthias Rüegg – im Zeitraum 2004 bis 2006 – als Ort für Kunstinterventionen genutzt. Tanken Tanken Tanekn heisst das Projekt und deutet so auch den Themenkreis an. Inspirationen und Denkanstösse sollen zum Brennstoff und Begriffe wie Mobilität und Geschwindigkeit zum Inhalt werden.
Die Tankstelle lag bis 1983 an der San-Bernardino-Route, nun fliesst der Verkehr über die A13 an den Dörfern vorbei. Paul Virilio schrieb in seinem Buch «Fahren, fahren, fahren…», dass die Verbesserung der Verkehrsführung und die intensivere Durchdringung die Auflösung und Zerstreuung der Orte und Gegenden beschleunige. In diesem Sinne ist auch die erste Intervention von Romani und Rüegg: In einer Fotomontage entfernen die KünstlerInnen die Kioskgebäude und retuschieren die Häuschen auf die Höhe der Zapfsäulen; so wird die Tankstelle auf ihr Wesentliches reduziert und der Blick in ihr Inneres freigegeben; der Blick hat freie Fahrt und das Schild Take Away lädt ein zum schnellen, ungewohnten Kunstgenuss. jal
 
     
  30. April 2004 Rhiiblatt

Ein unerwarteter Kunstort
Die ehemalige Texaco-Tankstelle zwischen Rhäzüns und Bonaduz ist Grundlage des Kunstprojektes «Tanken Tanken Tanken». Nach intensiver Planungszeit haben die Arbeiten für die Umsetzung des ersten künstlerischen Eingriffs nun begonnen.

Die seit Jahren nutz- und funktionslose Tankstelle besitzt eine eigentümliche Ausstrahlung. Man ist hin- und hergerissen zwischen verlassener Öde und nostalgischer Rückblende. Zur Einmaligkeit der Situation trägt unter anderem die besondere Architektur der Anlage aus den sechziger Jahren bei. Aber auch die Tatsache, dass die heruntergekommene, verlassene Tankstelle, für die Geschichte der Alpentransversalen, welche seit über zweitausend Jahren durch diese Täler nach Süden führt, für die Geschichte der wachsenden Mobilität und das damit einhergehende Bedürfnis der Gesellschaft nach mehr Freiheit, steht.

Schweizer Künstlerduo
Als Chantal Romani und Matthias Rüegg vor einem Jahren Interesse an der Tankstelle anmeldeten, haben die heutigen Eigentümer der Tankstelle West, Rolf Kohler und Beat Jörimann, ihre Unterstützung zugesagt. Nach einer Projektpräsentation von Rüegg/Romani hat im vergangenen Oktober auch die Gemeindeversammlung von Rhäzüns dem Projekt zugestimmt.

Der offizielle Startschuss fällt am 15. Mai 2004 mit einem Opening. Danach werden bis Herbst 2006 weitere fünf Künstlerinnen und Künstler auf die eigenwillige Situation reagieren. Man kann gespannt sein.

Regional verankert
Für das Projekt ist der Aufbau von Netzwerken von hoher Wichtigkeit: neben der finanziellen Unterstützung durch die Kulturförderung des Kantons Grau-bünden und des Kuratoriums des Kantons Aargau, erhält die regionale Einbettung ein besonderes Gewicht. Dank der Unterstützung etlicher Firmen und Handwerker, kann das Projekt überhaupt durchgeführt werden. jb