TANKEN TANKEN TANKEN

Tankstellen verfügen über ein eigenartiges Faszinationspotential. Die Gebäude mit meist überdimensionierten Dachkonstruktionen und geschickt arrangierten Beleuchtungselementen entheben diese den eigentlichen Zweckbauten in einen Sonderstatus. Tankstellen sind kein Ziel, sie dienen lediglich der Weiterreise, dem Volltanken und der Befriedigung elementarster Bedürfnisse der Reisenden. In diesem Sinne sind Tankstellen durchaus mit Bahnhöfen, Häfen oder auch Inseln vergleichbar. Oftmals ist der Tankstellenboden der einzige, der während einer Reise betreten wird.

Tankstelle an der Via Nova in Rhäzüns 1978

Die 1965 erbaute und seit mehr als zehn Jahren stillgelegte Tankstelle an der Via Nova in Rhäzüns hätte eigentlich im Sommer 2003 abgerissen werden und von der Bildfläche verschwinden sollen. Die Gebäudeteile sind zwar einigermassen intakt, wirken aber heruntergekommen und sind seit langem nutzlos geworden.
Die lange Funktions- und Nutzlosigkeit verleiht der Tankstelle eine eigentümliche Ausstrahlung welche zwischen verlassener Öde und nostalgischer Rückblende oszilliert. Aus dieser Situation heraus ist nun ein Projekt entstanden, welches sich mit der besonderen architektonischen, gesellschaftlichen und geschichtlichen Situation der Tankstelle auseinandersetzt. In einem begrenzten Zeitraum von zweieinhalb Jahren (Frühjahr 2004 bis Herbst 2006) sollen nacheinander sechs ortsspezifische, künstlerische Interventionen im Zusammenhang mit der Tankstelle entwickelt und ausgeführt werden, bevor diese definitiv abgebrochen wird.

Tankstelle an der Via Nova in Rhäzüns 2003

Das Projekt mit dem Titel TANKEN TANKEN TANKEN, soll eine intellektuelle und künstlerische Auseinandersetzung mit Themen der Geschichte, der (mobilen) Gesellschaft sowie des Funktions- und Bedeutungsverlustes anregen. Lage, bauliche Situation und die damit verbundene Vielfalt an zeitbezogenen Themen, welche sich angesichts der Rhäzünser Tankstelle auftun sprechen dafür, gleich mehrere künstlerische Interventionen durchzuführen und die Gelegenheit einer längerdauernden Auseinanderstetzung mit einem Ort und seiner Umgebung zu schaffen. Fünf Künstlerinnen und Künstler aus dem In- und Ausland werden dazu eingeladen, spezifische Projektideen zu entwickeln. Die erste Arbeit wird von den ProjektinitiantInnen Chantal Romani und Matthias Rüegg vorgenommen. Sie thematisieren in ihrer Arbeit den Zustand der Auflösung und des Übergangs sowie die ausgesprochen skulpturale Qualität der Tankstelle.

Tankstelle an der Via Nova in Rhäzüns 2003

Der Titel TANKEN TANKEN TANKEN spielt auf das dauernd wachsende Bedürfnis nach (Auto-) Mobilität und die dadurch erhoffte Freiheit an. Gleichzeitig deutet die ausrangierte Tankstelle die Krise des Systems (Ölkrise in den siebziger Jahren) und die Erschöpfung vorhandener Ressourcen (Schrumpfen der weltweiten Ölvorkommen) an.

Ein weiterer Bezug besteht zu Paul Virilios Buch «Fahren, fahren, fahren…» (Merve Verlag, 1978). Begriffe wie Geschwindigkeit, Fahrzeug und globale Mobilitätsentwicklung werden in vielfältige kultursoziologische und philosophische Zusammenhänge gestellt.
Die Tankstelle in Rhäzüns lag bis 1983 an der San Bernardino Route. Seitdem fliesst der Verkehr über die A13 in einigem Abstand an den Dörfern vorbei. Virilios Aussage, dass durch die unablässige Verbesserung der Leitfähigkeit und Durchdringbarkeit der durchquerten Orte und Gegenden gleichzeitig deren Auflösung und Zerstreuung beschleunigt werde erzeut hier geradezu ein unheimliches Bild.

TANKEN TANKEN TANKEN ist auch im eigentlichen Sinne einer Tankstelle gedacht. Wobei nicht wie üblich Benzin und Diesel, sondern eher Anregung, Inspiration und Begegnung getankt wird.