TANKEN_ V von Heidy Baggenstos & Andreas Rudolf:
ABLATION Am Ae

 
 

Nachdem der Tankstellenkiosk an der Via Nova in der Intervention „Take Away“ (im Rahmen von „Tanken Tanken Tanken“) bis auf die Grundstruk-turen abgetragen wurde, lassen Heidy Baggenstos und Andreas Rudolf diesen in ihrer ursprünglichen Lage und Grösse wieder auferstehen. Aus Schnee und Eis bauen sie im Rahmen ihrer Arbeit Ablation Am Ae den Kiosk und die Zapfsäulen wieder auf und geben dem brachliegenden Ort Teile seiner ursprünglichen Bestimmung zurück. An der Eröffnung wird das Künstlerduo ihre eigens für das Projekt gestaltete Vignette für Nebenstras-sen und Schleichwege verkaufen.
Die Tankstelle als Ort des Auftankens (von Benzin, Getränken, Ruhe oder frischer Luft) hat ihre Bestimmung in Rhäzüns verloren, längst führt der Hauptverkehrsstrom über die Autobahn im Tal. Die Funktion ist verschwun-den, geblieben ist eine Hülle, ein Mahnmal und Zeichen der Peripherisie-rung. Was einst als schnelle Verbindung von Nord nach Süd diente, ist heute eine Nebenstrasse, genutzt vor allem von den Anwohnern der Region. In der Deklassierung einer Verkehrsachse liegt auch eine grosse Chance. Als Gegentrend zu einer immer hektischer empfundenen Welt gewinnen Muse, Verlangsamung und Entdeckungslust eine neue Qualität. An diesem Punkt setzen Heidy Baggenstos und Andreas Rudolf mit ihrer Vignette für Neben-strassen und Schleichwege an. Sie geben dem Käufer weniger ein materiel-les Produkt in die Hand als vielmehr einen Strauss voller Möglichkeiten. Was wir daraus machen, bleibt uns, unserer Phantasie und unserem Gefährt überlassen. Der Startpunkt ist die physische Tankstelle, das Ziel die Reise als solche.
Nähert man sich der Tankstelle, so irritiert der Ort durch seine ungewöhn-liche Materialität. Am Tag kaum wahrnehmbar scheint sie in der Nacht, beleuchtet im kalten Neonlicht, wie ein fremdes Objekt. Neugier, und weniger das Bedürfnis nach Benzin und Rast, wird es sein, die den Reisenden zum Anhalten veranlasst. Es ist eine trügerische Auferstehung, denn kaum aufgebaut, beginnt auch schon der Prozess der Auflösung. Die Witterung bestimmt, wie lange dies dauern wird und bewirkt, dass die Tankstelle, kaum ist ihr erneute (künstlerische) Aufmerksamkeit zuteil geworden, sich zu einer Erinnerung verflüchtigt. Das Künstlerduo greift in ihrer Intervention die Frage nach der Bedeutung eines Ortes, nach den Bedingungen und Folgen heutiger Mobilität auf, aber auch so romantische Fragen wie die nach der Erinnerung und dem, was bleibt, wenn etwas verschwindet. Verschwindet Schnee, so wird dies in der Meteorologie als Ablation bezeichnet, wobei mit Am (= melt) das Verflüchtigen durch Schmelzen, mit Ae (= Sublimation) das Verflüchtigen durch Verdunsten gemeint ist.

Text: Daniela Hardmeier

     
   
     
   
     
   
     
   
     
 

 
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