TANKEN_ II von Erik Dettwiler: PRESTIGE

 
 
Rot, weiss, rot, weiss und schwarz: Ein dadaistisches Gedicht, eine Hymne auf die Schweizer Flagge? Nein, vielmehr zeichnen diese Farben für die konzeptuelle Intervention «PRESTIGE» verantwortlich, die der Künstler Erik Dettwiler an der Via Nova umgesetzt hat.

Die zurückgebliebenen Dachkonstruktionen, die einsam auf der Hochebene die Via Nova flankieren, erinnern von ferne an überdimensionierte Laden-tische, Bus-Stopps oder an eine provisorisch eingerichtete, irgendwelche Strassen-Götter preisende, antike Tempelanlage, ist jedoch jedem Sinn enthoben. Diese architektonischen Überresten bildeten die Ausgangslage für das Projekt «PRESTIGE» von Dettwiler.
Der Kern von «PRESTIGE» erschliesst die Thematik unserer alltäglichen Mobilität und die damit einhergehende Verknappung von natürlichen Res-sourcen und gibt durch die bildhafte Umsetzung den vorbeifahrenden LenkerInnen eine Denkaufgabe mit auf ihre Reise.

Die östlich zur Strasse gelegene Konstruktion fällt durch das rot-weisse Band, in der Manier von Baustellenabschrankungen, auf. Die Bemalung umrandet die gesamten Länge und Tiefe der Überdachung. Das dadurch hervorgehobene Flachdach überdeckt die vertikal an den, zur Strassenseite hingebauten Stützen, angebrachte, über die gesamte Länge sich erstrecken-de, roh belassene Holzwand, welche eine in der Mitte horizontal liegende Lücke aufweist. Diese eingemittete Leerstelle, die den Blick auf die dahinter liegende idyllische Landschaft freigibt, nimmt einen Drittel der gesamten Höhe ein und wird unten und oben von den Holzflächen begrenzt. Zwischen Boden und Decke eingepresst, zieht sich der Schriftzug «OIL» über die ganze Holzwand hinweg, der fehlende Mittelteil reisst aber auch hier ein horizontales Band in die Lesbarkeit der überdimensionierten Lettern.

Dieses Teilbild der Intervention lässt sich auf ein Spiel zwischen signal-hafter Zeichensprache und natürlicher Umgebung ein, führt und leitet den Blick der Vorbeifahrenden über die Intervention hinweg oder weist die in die Ferne gerichtete Sicht der Vorbeigehenden durch die gerahmte Leerstelle hindurch.

Die westlich an die Strasse anstossende, fast doppelt so grosse Über-dachung, ist ganz in schwarze Farbe getaucht worden. Alle zur Strasse hin zeigenden Flächen sind schwarz überstrichen. Das über allem prangende und thronende Werbeplakat, ebenfalls ganz in schwarz gehalten, wird von fetten und weissen Buchstaben ausgefüllt, welche das titelgebende Wort «PRESTIGE» formulieren. Dieses erinnert an die katastrophale Havarie des gleichnamigen Öltankers «PRESTIGE» und dessen auslaufendes Schweröl, das die gesamte galizische Küste verpestete und auf über 2'900 Km das Ökosystem, bis hin zu den französischen Stränden, vollständig zerstörte.

Die Bedeutung des Wortes Prestige – Blendwerk und Zauber, aber auch Ansehen und Geltung umschreibend – wird durch die Intervention vielseitig aufgegriffen und konterkariert.
Das pechschwarze neue Tankstellenkleid verweigert sich deutlich einer Marketingstrategie eines herkömmlichen Brennstoffanbieters, werden diese doch in der Regel durch gelbe, rote oder grüne Farbkombinationen re-präsentiert. Die schwarze Kulisse am Strassenrand mit dem Namenszug «PRESTIGE» und dem Schriftzug «OIL» weist in eine andere Richtung und lädt ein, über kollektive Erinnerung und technischen Fortschritt zu sinnieren.
ED-04.